AlumniClub: „Bildung ist Kompetenz für den Umgang mit Unsicherheit.“ Diesen Satz haben Sie bei Ihrer Abschiedsrede an der Universität Eichstätt gesagt. Ein Satz, der sehr gut in diese durch Covid19 geprägte Zeit zu passen scheint. Seit dem 1. April 2020 sind Sie Präsident der Universität Passau, und Sie sind eben auch Bildungsexperte. Mögen Sie uns den Hintergrund ein wenig erläutern?

„Im Prinzip ist dies die ganz knappe Zusammenfassung eines kompetenztheoretischen Bildungsbegriffs, ein Thema, an dem ich seit vielen Jahren arbeite, und zwar auf Anregung und in enger Zusammenarbeit mit Guido Pollak, der schon in Regensburg mein Lehrer war, bevor er später an der Universität Passau Professor für Pädagogik wurde.“ „Uns verbindet eine lebenslange Freundschaft“, fügt Professor Bartosch hinzu, „er ist mir Impulsgeber für diese Sichtweise.“

„Bildungstheoretisch“, fährt er fort, „steckt dahinter, dass wir den Kompetenzbegriff als Möglichkeit sehen, etwas Konkretes über Bildung zu sagen, ohne dies inhaltlich vollständig ausfüllen zu müssen. (...) Heutige Lebensentwürfe gehen von Brüchen und Widersprüchen aus. Es gilt also, wenn ich Bildungsverantwortung habe – ob nun als Eltern, Erzieherin oder Lehrer – junge Leute auf diese unsichere Entwicklung vorzubereiten“, erläutert Professor Bartosch. Man wisse nicht, was passieren werde, Unsicherheit sei sozusagen der Kern dessen, was auf uns zukomme. Wobei Unsicherheit nicht nur negativ gemeint sei: Sie bedeute auch Offenheit, die Möglichkeit zu machen, was man wolle, Entscheidungen selbst zu treffen, aber eben auch dafür gerade zu stehen.

Dies stelle die Bildungsverantwortlichen vor die Frage: Wie bereite ich jemanden auf das Leben vor, wenn es nicht mehr ausreicht, ihn in ein Tableau von Kenntnissen hineinzusetzen? „Die Idee ist es also, jemanden in einer Art und Weise kompetent zu machen, damit diese/r zu einem mir nicht bekannten Zeitpunkt unter mir nicht bekannten Umständen eine Herausforderung erfolgreich meistern kann.“

Und weiter: „Studentinnen und Studenten gegenüber habe ich gerne das Beispiel Führerschein verwendet: Wann bekommt man den Schein? Wann bin ich der Meinung, dass Sie für den Rest Ihres Lebens, die Anforderungen des Verkehrs so bewältigen kannst, dass weder Sie noch ein anderer zu Schaden kommen? Ich muss mir also überlegen: Was müssen Sie gesehen haben, was muss ich Ihnen beibringen, um – auch ohne alle künftigen Gefährdungspunkte zu kennen – sagen zu können, jetzt ist es in Ordnung, jetzt werden Sie die künftigen Herausforderungen meistern können.“

Und natürlich gehöre dazu auch die Erkenntnis, die jeweilige Person eben nicht abschließend vorbereiten zu können. „Das ist eigentlich selbstverständlich“, sagt Bartosch, „aber das muss man sich als Eltern und als Erziehende auch klarmachen. Es geht immer in eine riskante Zukunft. Ich kann nur für die Risikobewältigung vorbereiten. Denn eines ist klar: Der Tag des Loslassens muss auch kommen.“

AlumniClub: Und durch die Digitalisierung verändert sich heute alles noch schneller…

„Es besteht hierbei kein ursächlicher oder alleiniger Zusammenhang zur Digitalisierung, aber mit Sicherheit bedeutet die Beschleunigung, die wir derzeit in besonderer Weise erleben, eine stete Herausforderung.“ Letztlich deuten Kompetenzdiskussionen immer auf vermutete Herausforderungen und zugeschriebene Befähigungen.

Passau ist ein wunderbarer Ort für interdisziplinäres Arbeiten

AlumniClub: Und welche Kernkompetenz bringen Sie für Ihre neue Funktion als Präsident an der Universität Passau mit?

„Meine Kernkompetenz für diese jetzige Aufgabe ist Kommunikationsfähigkeit“, so Professor Bartosch ohne zu zögern. Doch auch eine gute Portion analytischer Befähigung sowie Kenntnisse und Erfahrungen, die wir uns im Bereich Wissenschaft und Bildung erschließen sollten, bringe er mit. Zu diesen vier Punkten komme aber noch einiges hinzu, was ihm fehle, betont Professor Bartosch. „Zum Beispiel muss ich sicherlich bei Verwaltungsthemen nachlegen. Im Prinzip bin ich ja jetzt Behördenleiter.“

AlumniClub: Drängt sich die Frage auf, was Sie mit Ihrem Studium der Pädagogik (Diplom 1986) und Politischen Wissenschaft (Magister 1987) in Regensburg ursprünglich einmal werden wollten?

„Ich habe das an einer Stelle meines Lebenslaufs tatsächlich realisiert. Ich wollte mich zwischen Erwachsenenbildung und Politik bewegen. Als ich an der Volkshochschule in Hagen für den Bereich politische Bildung zuständig war (1999-2000 Stellvertretender Leiter der VHS Hagen und Fachbereichsleiter Politische Bildung, Anmerkung der Red.!), war dies meinem ursprünglichen Wunsch am nächsten. So hat mich vor allem die Erwachsenenbildung am Anfang bewegt. Danach war ich aber auch in der beruflichen Bildung und auf ähnlichen Feldern tätig und habe eher mit der Pädagogik mein Geld verdient als mit der Politikwissenschaft. Letztere habe ich dann vorwiegend forschend weiterbetrieben.“

AlumniClub: Jetzt sind Sie allerdings für die nächsten sechs Jahre Präsident der Universität Passau…Wie möchten Sie Ihre neue Rolle ausfüllen? Und welche ist Ihre Vision für die Universität Passau?

„Ich möchte gerne die Universität Passau als Raum für komplexe Fragestellungen stützen, weiterentwickeln und fördern. Dieser Campus ist der ideale Ort – auch von der Größe her –, um zwischen den unterschiedlichsten Disziplinen, Fakultäten, Forscherinnen und Forschern gemeinsame Themen aufzugreifen. Das ist etwas, das ich als ‚Spirit‘ hier im Gegensatz zu sehr großen Universitäten wahrnehme. Für mich ist es sehr naheliegend, ja sogar aufregend, an dieser besonderen Universität, das Fächerübergreifende stark zu machen.“

„Allerdings gibt es für mich Interdisziplinarität nur auf der Basis von Disziplin“, hebt der Präsident hervor. „Wissenschaft läuft im Prinzip disziplinär ab. Auf dieser Basis wird sie sich dann trans- und interdisziplinär bestens entfalten können.“

„Ich meine damit, dass wir an vielen Stellen in der Wissenschaft auch über die methodischen Fragestellungen eine Disziplinierung erfahren, um sie dann interdisziplinär auszubilden.“ (Professor Bartosch nimmt hier Bezug auf den Studiengang Kulturwirtschaft)

„Ich habe eine ganze Reihe von Forschungserfahrungen, auch im interdisziplinären Kontext und in der Wissenschaftspolitik z.B. in der Vereinigung deutscher Wissenschaftler (VDW), gemacht. Das Spannende ist, mit den anderen Disziplinen zusammenzukommen, um sich dann an den methodischen und erkenntnistheoretischen Themen zu reiben. Ich glaube eben, dass Passau dafür ein wunderbarer Ort ist.“

AlumniClub: Man begegnet sich ja zwangsläufig...

„…und das ist wunderbar!“

AlumniClub: Welche Herausforderungen sehen Sie auf die Uni und sich selbst zukommen?

„Die Universität erfährt einen wesentlichen Schub durch die Digitalisierung. So wird sich auch die Dynamik innerhalb der Universität verstärken. Unsere Universität selbst wird dabei erheblich größer werden – durch den Zuwachs an Professuren, der ganz wesentlich auch aus dieser thematischen Richtung ‚gefüttert‘ wird. Diesen Prozess möchte ich in Passau mitbegleiten und mitgestalten. Die Universität Passau wird dann stark, wenn in ihr alle Fakultäten als Beteiligte, als Impulsgeberinnen und als wichtige Motoren dieser Entwicklung zusammenwirken.“

Professor Bartosch fährt fort: „Ich könnte mir vorstellen, dass man an einem anderen Ort, wo die jeweiligen Einheiten größer sind, alles auf die Informatik setzen würde. Das würde ich hier in Passau nicht machen wollen. Ich freue mich über die hervorragende Informatik und deren weitere Entwicklung. Zugleich bin ich überzeugt, unsere Informatik gewinnt und kann viele Aufgaben besser fassen als es diese Disziplin an anderen Orten vermag, wenn wir unsere Universität als gemeinsame Forschungs-, Denk- und Informationsplattform verstehen. Wenn wir die vorhandenen Disziplinen mit ihren Fragestellungen und Möglichkeiten in den Dimensionen z.B. der gesellschaftlichen Folgen, ethischen und rechtlichen Fragestellungen einbeziehen. Diese Themen sind ja alle miteinander verbunden und reichen überall hinein, bis in den Journalismus.“

Die Uni wird sich stark verändern

Welche Aufgaben stehen sonst noch oben auf Ihrer Liste? „Das Thema Akkreditierung, hier ist die Uni Passau noch weit hinten im Vergleich zu den anderen Unis in Bayern“, zählt Professor Bartosch auf, „dann das Campus-Managementsystem, also ein zentrales Campus-Management mit entsprechender EDV-Unterstützung. Und wie gesagt: Wir werden größer. Es steht in den kommenden Jahren ein enormer Aufbau an Professuren und damit verbunden eine Erhöhung der Studierendenzahlen bevor.“

Er präzisiert: „Drei neue Professuren werden ab Oktober 2021 sukzessive im Bereich Künstliche Intelligenz geschaffen, davon eine in den Wirtschaftswissenschaften, eine in der Rechtswissenschaft und eine in der Informatik. Sie werden durch eine linguistische Professur in der Philosophischen Fakultät ergänzt. Dies ist Teil der Gesamtoffensive, die Bayern im Bereich der Digitalisierung fährt.“

„Hinzu kommt noch der Aufbau von 388 Studienplätzen im Bereich der Informatik. Dazu hat sich die Uni verpflichtet. Dafür werden zwölf Professuren samt Personal im Laufe der Zeit gestellt, diese bauen wir derzeit auf.“

„Damit einher geht eine Erweiterung im gesamten Universitätsbereich von elf weiteren Forschungsprofessuren, die wir über die Fakultäten hinweg einsetzen können. Plus Mitarbeiterstellen.“ „Und wir gründen auch ein neues Institut, das die KI-Thematik zusammenfasst, mit den bereits erwähnten vier Professuren.“

„Das ist insgesamt von enormer Tragweite. Und das ist genau die Phase, in der jetzt der Bartosch da ist“, lacht der Präsident. „Da hat er was zu tun!“, ergänzt der AlumniClub.

„Aber“, fügt der Präsident hinzu, „das geschieht über die Zeit, nicht auf einmal.“

Die Größenordnung für den zusätzlichen Flächenbedarf sei vermutlich mit sechs Fußballfeldern vergleichbar. „Die Uni wird sich stark verändern.“, fasst der Präsident zusammen.

Drei Themen: Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Europa

„Wir haben eine Dynamik, die wir wunderbar nutzen sollten und können für das gemeinsame Entwickeln der Uni auf Basis der hier zuwachsenden Professuren und der zuwachsenden Themen", fährt Professor Bartosch fort. „Sie wissen ja vielleicht, dass ich drei Themen aufgerufen und vorgefunden habe: Digitalisierung, Nachhaltigkeit, wo die Uni Passau meiner Meinung schon noch zulegen kann, auch in der Präsenz des Themas und in der technisch-organisatorischen Organisation des Hauses. Und das dritte Thema ist Europa.

AlumniClub: Haben Sie eine konkrete Vorstellung, was die europäische Ausrichtung der Universität anbelangt?

„Keine spezielle Vorstellung, eher eine allgemeine: Ich glaube, es täte Bayern gut, einen akademischen Ort zu haben, an dem die europäischen Themen im weiteren Sinne besonders aufgerufen werden. Die Stadt Passau ist in vieler Hinsicht mit diesem europäischen Gedanken – spätestens nach dem Krieg – verbunden worden und geographisch sowieso mittendrin. Das halte ich wissenschaftlich, friedenspolitisch und sozial für einen Auftrag dieser Universität.“

Das Thema Europa sei zweifellos vorhanden, sowohl im bisherigen unversitären Engagement als auch im Studienangebot und in den vielfältigen Vernetzungen von Forschung und Transfer, beispielsweise in der Donau-Moldau-Region. „Das Thema würde ich vor allem in Studium und Forschung aber gerne noch nachdrücklicher stärken“, sagt Professor Bartosch. „Im Ergebnis möchte ich erreichen, dass am Ende meiner Amtszeit Passau der Ort ist, an dem du, wenn du hier studierst, dem europäischen Thema nahe kommen kannst, entweder in einem vertieften eigenen Studium bzw. Hauptfach oder zumindest in einer Verbindung in den jeweiligen Fächern. Wenn du die Uni Passau durchläufst, ist dir das europäische Thema in vielerlei Hinsicht angeboten und hoffentlich auch nahe gebracht worden.“

AlumniClub: Wir Alumni sehen uns ja auch als Botschafter unserer Alma Mater in Deutschland, Europa und der Welt: Was können wir zu Ihrer Arbeit beitragen?

„Rechnen Sie mit mir“, lacht der Präsident und fügt hinzu „auch ich rechne mit Ihnen allen – ich bin ein Fan des AlumniClub und fühle mich da wunderbar gestärkt. Ihre Ideen sind sehr gerne gesehen.“ Gerade bei der europäischen Idee wolle er auf die Unterstützung des AlumniClubs bauen.

Das ist eine Notlösung: wir streben nicht an, eine virtuelle Uni zu werden

AlumniClub: Wir haben das Thema Digitalisierung ja bereits angeschnitten. In einem Interview in der Coronahochphase, wollen wir natürlich noch einmal näher darauf eingehen. Wie hat Corona die Digitalisierung an der Universität vorangetrieben?

„Wenn Sie mir zuvor gesagt hätten, dass die Universität Passau ihren Lehr- und Studienbetrieb komplett auf online umstellt und dies fantastisch läuft, hätte ich Ihnen das nicht geglaubt.“ „Aber“, fügt der Präsident hinzu, „es ist mir wichtig, eben nicht zu sagen, alles sei großartig.“

Denn: Da der Lockdown der Universitäten nun schon sehr lange andauere, gerade im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Bereichen, stiegen natürlich auch die Unruhe und Traurigkeit. „Ich habe den Eindruck, dass es eine nicht kleine Zahl an Studierenden gibt, die durch den Lockdown zunehmend Belastung erfahren.“ „Sie wissen doch was es heißt, ein Sommer in Passau!“

„Also, auch wenn es in Passau besonders gut läuft, wir beste Rückmeldungen von Studenten und Dozierenden bekommen, ist dieses Semester keine Erfolgsstory, sondern eine Notlösung. Wir streben nicht an, eine virtuelle Universität zu werden, wir streben nicht an, wichtige Vorlesungen nur noch zu streamen.“ Er hoffe, schon im Wintersemester – unter den gebotenen Hygienemaßnahmen – zur Präsenzlehre zurückkehren zu können.

AlumniClub: Wie war denn unter diesen Umständen Ihre Amtsübergabe, die doch sicherlich einen Höhepunkt in Ihrem beruflichen Leben markierte?

„Also, das war ganz aufregend“, sagt der neue Präsident mit einem Augenzwinkern. „Ich bin mit dem Radl zur Uni gefahren, habe mein Radl abgestellt, bin die Treppe hoch, habe Frau Kapfhammer kennengelernt (seine Sekretärin, Anmerkung der Red.!), und dann haben wir angefangen.“ „Immerhin habe ich zwei Flaschen Champagner vorgefunden, eine von meiner Vorgängerin mit einer Karte, die andere von Herrn Keilbart.“, ergänzt er (Walter Keilbart ist der Vorsitzende des Universitätsrates, Anmerkung der Red.!).

Er habe die Situation zu diesem Zeitpunkt nicht als frustrierend empfunden, nach einer Weile allerdings doch gemerkt, dass etwas gefehlt habe, weil es den Augenblick des Wechsels nicht gegeben habe. „Sonst würde ich jetzt über den Campus laufen, mich hier und da mal in eine Vorlesung reinsetzen oder in die Cafete“, überlegt Professor Bartosch. So habe er anfänglich aber nur mit circa 20 Personen regelmäßig persönlichen Kontakt gehabt. Aber diese „Fehlstellen“ im Leben habe ja nicht nur er, sondern insbesondere auch die Studierenden die immer noch nicht machen könnten, was sie sich für dieses Jahr vorgenommen hätten.

AlumniClub: Das sind die – eingangs besprochenen – Überraschungen des Lebens… Herr Professor Bartosch, zum Abschluss: Was hätten wir Sie eigentlich noch fragen sollen?

„Sie haben mich gefragt, wie Sie mir helfen können, das war schon die Frage, die ich mir sonst gewünscht hätte“, antwortet Professor Bartosch. „Es macht mir wirklich Spaß, dieses Amt auszufüllen, aber auch die Einbindung in die Kreise, zu denen ich als Neuer ja bisher nicht gehörte, macht mir Freude. Es ist gut, Sie im AlumniClub um diese Uni zu wissen, als Background und als Partnerinnen und Partner im Dialog.“

AlumniClub: Herr Präsident, wir danken Ihnen für dieses ausführliche Gespräch!


Das Interview wurde Anfang Juni vom AlumniClub Passau über Zoom durchgeführt! Die Fragen stellten Uta Neumann (Kulturwirtschaft 1989-1996) und Tanja Selmayr (Rechtswissenschaften 1990-1995)

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