Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Sieber wie kam es dazu, dass Sie Frauenbeauftragte geworden sind?

Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern beschäftigt mich bereits seit vielen Jahren auf zwei Ebenen. Zum einen wissenschaftlich: Beispielsweise habe ich über Geschlechterkonflikte in der mittelalterlichen Literatur promoviert und in meinem Fach einschlägig im Bereich der Gender Studies publiziert. Zum anderen gleichstellungspolitisch: Denn am Beginn meiner wissenschaftlichen Karriere wurde ich durch Gremienarbeit oder die Partizipation an einem Frauenförderprogramm grundlegend für Fragen der Chancengleichheit sensibilisiert. Während der Postdocphase habe ich außerdem ein Exzellenz-Mentoring absolviert und von verschiedenen Rolemodels auf meinem Weg zur Professur profitiert. Dies hat mich insgesamt dazu motiviert, meine positiven Erfahrungen als Universitätsfrauenbeauftragte einzubringen und die Universität Passau mitzugestalten.

Wie sieht Ihre Arbeit als Frauenbeauftragte aus?

Meine Aufgabe als Universitätsfrauenbeauftragte ist es, auf die Vermeidung von Nachteilen für Wissenschaftlerinnen, weibliche Lehrpersonen und Studierende zu achten und die Universität Passau bei der tatsächlichen Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern zu unterstützen. Zu den zentralen Zielen gehört, den Frauenanteil auf allen Ebenen der Wissenschaft zu erhöhen, besonders dort, wo Frauen unterrepräsentiert sind. Konkret heißt das, dass ich als Universitätsfrauenbeauftragte in allen zentralen Gremien der Universität Passau vertreten bin. Insgesamt koordiniere ich alle gleichgestellungsbezogenen Aktivitäten an der Universität Passau und stehe dazu in engem Austausch insbesondere mit der Vizepräsidentin für Internationales und Diversity, den Fakultätsfrauenbeauftragten, der Gleichstellungsbeauftragten sowie dem Referat Diversity und Gleichstellung. Nach außen bin ich Mitglied im Vorstand der Landeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an bayerischen Hochschulen und in der Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen, die auf Landes- bzw. Bundesebene gleichstellungspolitische Themen im Hochschulkontext aufgreifen und die Interessen von Frauen vertreten. Außerdem bin ich an der Universität Passau für unterschiedliche Maßnahmen der Frauenförderung verantwortlich, zum Beispiel ein Stipendienprogramm für Doktorandinnen, Postdoktorandinnen und Habilitandinnen, das Frauen-Mentoring-Programm mentUP+, Reise- und Mobilitätsbeihilfen für Frauen oder Coaching-Angebote. Schließlich berate ich bei Fällen sexueller Belästigung oder zu Fragen der Vereinbarkeit von Elternschaft und Studium bzw. Beruf.

Mit welchen Herausforderungen haben Sie in Ihrem Arbeitsalltag als Frauenbeauftragte zu kämpfen?

Als Universitätsfrauenbeauftragte gehört es zu meinen Aufgaben, auf Probleme hinzuweisen, Transparenz anzumahnen und auch mal „den Finger in die Wunde zu legen“. Das wird manchmal als Störung empfunden. Insbesondere Studierende erwarten oft sehr schnelle Veränderungen. In dem Zusammenhang gilt es immer wieder deutlich zu machen, dass Veränderungen intensive Kommunikationsprozesse und Diskurse erfordern, um möglichst viele Universitätsmitglieder „mitzunehmen“ und tatsächlich nachhaltige Veränderungen zu erreichen. Außerdem sind Gleichstellungsthemen zum Teil emotional besetzt. Hier gilt es, auf einer sachlichen Ebene zu bleiben und Argumente konstruktiv auszutauschen.

Im August 2020 sprachen Sie davon, dass Frauen die Corona Krise härter als Männer trifft. Welche Schlussfolgerungen können wir aus den gemachten Erfahrungen ziehen? Welche Möglichkeiten für Verbesserungen sehen Sie?

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass wir innerhalb von Strukturen arbeiten, die nur scheinbar einer Gleichberechtigung entsprechen. Die Krise hat Probleme im Bereich der Gleichstellung, die schon vorher bestanden, nochmal deutlicher hervortreten lassen und gezeigt, dass noch viel zu tun ist: Zum Beispiel wäre eine gerechtere Verteilung von unbezahlter Care-Arbeit zwischen den Geschlechtern anzustreben; Alleinerziehende benötigen mehr Unterstützung; Berufe, in denen mehrheitlich Frauen beschäftigt sind – etwa in der Pflege, im Einzelhandel, im Erziehungsbereich – müssten aufgewertet und besser entlohnt werden; prekäre Beschäftigungsverhältnisse wären zu reduzieren; die Frauenanteile in entscheidungsrelevanten Gremien sollten gesteigert werden; Gender Mainstreaming wäre durchgängig zu realisieren. Die Konjunkturpakete sowie die sozial- und arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen zur Bewältigung der Krise könnten neue Perspektiven für Chancengleichheit eröffnen, wenn sie tatsächlich gendersensibel ausgerichtet werden. Auch an der Universität Passau sehe ich Chancen: Wir haben im letzten Jahr alle Erfahrungen mit Homeoffice gemacht. Die Ausweitung dieser Möglichkeiten muss jedoch mit neuen Formen der Teilhabe unabhängig von einer dominanten Präsenzkultur einhergehen. Weitere Konsequenzen sehe ich im Bereich von wissenschaftlichen Karriereverläufen, wobei hier noch viele Fragen zu diskutieren wären: Wie werden beispielsweise durch die Umstellung von Forschung und Lehre oder der akademischen Selbstverwaltung und bei der Betreuung von Studierenden auf Online-Formate das Qualifikationstempo oder die exzellente wissenschaftliche Profilierung verändert? Welchen Einfluss haben in dem Zusammenhang Unterstützungsangebote der Universität, etwa Kinderbetreuungsmöglichkeiten am Campus?

Sind seit der Pandemie vermehrt „Hilferufe“ bei Ihnen im Frauenbeauftragten Büro eingegangen?

Im letzten Sommersemester und zu Beginn des Jahres 2021 gab es tatsächlich eine Zunahme an „Hilferufen“. Aufgrund der Schließung von Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen während des ersten Lockdowns war es für viele sehr schwierig, Familie und Studium bzw. Beruf zu vereinbaren. Im zweiten Lockdown hat sich vor allem eine Zunahme im Bereich psychischer Belastungen gezeigt. Die hohe Zahl an Online-Veranstaltungen führte außerdem dazu, dass sexuelle Belästigungen neue Formen in den digitalen Medien angenommen haben. Hier sind wir gerade dabei, eine Handreichung zu erarbeiten, welche technischen Reaktionsmöglichkeiten es beispielsweise in Online-Lehrveranstaltungen gibt, wenn es zu solchen Vorfällen kommt.

Was waren die größten Herausforderungen für Studentinnen und Nachwuchswissenschaftlerinnen in diesem Jahr?

Insbesondere für Studentinnen und Nachwuchswissenschaftlerinnen mit Kindern, war der Umgang mit geschlossenen Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen, Homeschooling, Wechselunterricht etc. eine große Herausforderung. Erste Studien deuten darauf hin, dass insbesondere Frauen im Vergleich zu Männern im Jahr 2020 weniger publiziert und weniger Forschungsanträge gestellt haben. Dadurch können Nachwuchswissenschaftlerinnen Karrierenachteile entstehen, die allerdings erst in ein paar Jahren sichtbar werden. Für viele kamen 2020 weitere Unsicherheiten dazu: Forschungsprojekte konnten nicht wie geplant durchgeführt werden, weil Reisen erschwert oder unmöglich waren; Nebenjob-Möglichkeiten sind weggebrochen; (Auslands-)Praktika konnten nicht stattfinden; in manchen Bereichen gab es weniger Stellenangebote für Absolvent*innen. Ich befürchte, dass es auch zu pandemiebedingten Studienabbrüchen kam bzw. sich Nachwuchswissenschaftlerinnen für einen Weg außerhalb der Wissenschaft entschieden haben.

Wieso sollte der Weltfrauentag gefeiert werden?

Der Weltfrauentag erinnert zum einen an die Pionierinnen der Frauenrechtsbewegung und feiert historische Errungenschaften, etwa das Frauenwahlrecht. Zum anderen wird weltweit darauf aufmerksam gemacht, dass die Gleichstellung der Geschlechter noch keine Realität ist, es weiterhin Diskriminierungen und Ungleichheiten gibt und daher ein Engagement für Geschlechtergerechtigkeit prinzipiell sehr wichtig bleibt.

Was wünschen Sie sich bis zum nächsten Weltfrauentag?

Zunächst wünsche ich mir natürlich, dass im kommenden Jahr an dem weltweiten Aktionstag wieder Veranstaltungen in Präsenz möglich sind. Allgemein hoffe ich, dass die Erfahrungen aus der Pandemie neue Perspektiven für Chancengleichheit in der Gesellschaft eröffnen. Für die Universität Passau wünsche ich mir ganz konkret, dass sich der Trend aus den letzten beiden Jahren fortsetzt und der Professorinnenanteil weiter steigt.

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